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| KOMMENTAR |
| Ratings ohne Wirkung, Zinsen stabil Die Empörung ist immer noch groß, doch die Diskussion läuft in die falsche Richtung: Die Konsequenz aus der Herabstufung der Bonität von halb Europa durch die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) kann nicht der Aufbau eines europäischen Gegenspielers sein. Die Idee, nach dem Vorbild der Stiftung Warentest eine unabhängige Ratingagentur ins Leben zu rufen, die ihrer Konstruktion nach keine Gewinne erzielen muss, hat nur auf den ersten Blick Charme. Die Kosten einer solchen Stiftung, die über die Kreditwürdigkeit von 27 EU-Mitgliedsländern urteilen soll, würden aller Voraussicht nach den Nutzen bei Weitem übersteigen. Das Risiko ist immens, sich am Ende ein politiknahes bürokratisches Monster heranzuziehen. Gleich neun Euro-Mitgliedsstaaten wurden von S&P in einem Rundumschlag herabgestuft und erhielten eine schlechtere Note. Frankreich, Europas zweitgrößte Volkswirtschaft, und Österreich büßte sogar ihre Top-Bonität „AAA“ ein. Zwei Tage später verlor auch der Euro-Rettungsschirm EFSF seine Top-Bonität – logische Folge der vorangegangenen „Downgrades“, denn der Rettungsschirm kann nur so gut wie seine Geldgeber sein. Zu welchem Urteil wäre wohl eine europäische Stiftung zur Begutachtung der Kreditwürdigkeit von EU-Staaten gekommen? Möglicherweise zum gleichen – vorausgesetzt man ist kein Anhänger von Verschwörungstheorien. Die Herabstufung Frankreichs war lange erwartet worden, auch Österreichs Verlust der Triple-A-Note ist keine Überraschung. Und im Gegensatz zu den Ansichten wutschäumender Politiker war der Zeitpunkt der Veröffentlichung so schlecht nicht gewählt: Die Lage an den Finanzmärkten hat sich seit Weihnachten deutlich beruhigt, die Aktienmarktentwicklung der jüngsten Zeit signalisiert eine steigende Risikobereitschaft der Anleger. Tatsächlich hat der gesenkte S&P-Daumen unmittelbar zu keinerlei Verwerfungen geführt. Im Gegenteil: Die Börsen reagierten nach anfänglicher Verunsicherung mit Kursgewinnen. Angeschlagene Krisenstaaten wie Italien und Spanien konnten sich am Kapitalmarkt billiger Geld leihen – und auch die Aufnahme von 1,5 Milliarden Euro mit sechs Monaten Laufzeit durch den EFSF verlief reibungslos. Die Emission war dreifach überzeichnet. Die Macht der Ratingagenturen ist offenkundig deutlich geringer als vielfach unterstellt. Prominentestes Beispiel sind US-Staatsanleihen. Trotz Verlust des Dreifach-A performten die Papiere 2011 besser als die meisten Schuldscheine andere Staaten. Wer die Macht der Bonitätswächter trotzdem einschränken möchte, muss Banken und Versicherer von der rechtlichen Pflicht entbinden, die Urteile der Ratingagenturen als wesentliche Grundlage für eine Anlageentscheidung zu nehmen. Davon profitiert derzeit der deutsche Staat. Als einziger von inzwischen nur noch vier Euroland-Schuldnern mit bester Triple-A-Bonität muss Deutschland auch mittelfristig nicht mit einer Herabstufung rechnen – der sogenannte Ausblick ist laut S&P stabil. Damit werden deutsche Staatsanleihen für Anleger als „sicherer Hafen“ noch attraktiver als ohnehin schon. Die Nachfrage auf die „Bunds“ dürfte deshalb stabil bleiben oder sich sogar noch verstärken – mit entsprechenden Auswirkungen auf Kurse und Renditen: Zuletzt waren Anleger sogar bereit Geld mitzubringen, um in sichere deutsche Staatspapiere investieren zu dürfen. Für den Bundesfinanzminister ist das zunächst ein gutes Geschäft; aber auch andere Schuldner profitieren von den aktuellen Entwicklungen an den Kapitalmärkten. Die Renditen der viel beachteten Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit sind wieder unter 1,8 Prozent gefallen. Sie gelten als eine wichtige Orientierungsmarke für die Zinsentwicklung am Hypothekenmarkt. Und auch dort zeigte der Trend zuletzt tendenziell weiter nach unten. Derzeit verlangen Banken und Versicherungen für einen Immobilienkredit mit zehn Jahren fester Zinsbindung im Marktdurchschnitt nur noch wenig mehr als drei Prozent. Laut Biallo-Index sind es aktuell 3,07 Prozent. Eine Trendwende ist vorerst nicht in Sicht: Der starke Wettbewerb unter den Anbietern, der nachlassende Inflationsdruck und die mögliche Ausweitung der Politik des billigen Geldes durch die Europäische Zentralbank (EZB) werden vorläufig das Zinsniveau am Kapitalmarkt auch am „langen Ende“ niedrig halten. Zinstrend kurzfristig: stabil mittelfristig: leicht steigend langfristig:steigend (Von Dr. Bernd Klosterkemper) |
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